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Börsencrash: Die Tulpenzwiebel-Hausse 1639


Bereits im 17. Jahrhundert erschütterte ein Crash die Welt des Handels: In den Niederlanden brach 1637 der Markt für Tulpenzwiebeln zusammen. Tausende hatten ihr Vermögen in Tulpenzwiebeln investiert, nachdem die Preise für die damals seltenen, asiatischen Importpflanzen in astronomische Höhen geschnellt waren.

Massenhysterie. Vom Grafen bis zum Knecht spekulierten die Menschen mit den Knollen. Preise und Wert der Zwiebeln standen bald in keinem reellen Verhältnis mehr zueinander. Immer mehr Spekulanten waren in der Hoffnung auf schnelle Gewinne auf den fahrenden Zug aufgesprungen. Doch dann stiegen die ersten wieder aus, um sich ihre Gewinne zu sichern. Eine Verkaufspanik entstand, die Spekulationsblase platzte wie ein Luftballon.

Da es nie sehr große Mengen einer bestimmten neuen Zwiebelart gab, schossen die Preise in die Höhe. Kostete eine Zwiebel am Anfang der Hausse noch einen Gulden, so musste wenig später bereits 1.000 Gulden und mehr gezahlt werden. Vor allem um 1630 wurden für Blumenzwiebeln buchstäblich haushohe Preise gezahlt. Eine besondere Zwiebel war damals mehr wert als ein Grachtenhaus an der Keizersgracht in Amsterdam. In die Wirtschaftsgeschichte ging die Spekulation mit den Tulpenzwiebeln (Tulpen-Hausse) und der spätere Untergang als erster und unübertroffener Börsencrash der Neuzeit ein.

Freilich war es kein Börsencrash, denn an der Börse wurden Tulpen nicht gehandelt. Anders als Gold oder Silber wurden Blumenzwiebeln nicht an der streng kontrollierten Amsterdamer Börse gehandelt. Ein Netz von mehr oder weniger bekannten, geheimen oder fast öffentlichen "Handelshöhlen" überzog damals Holland. In Wirtshäusern, Gasthöfen und Tavernen traf man sich zum Handel. Die Transaktionen fanden zwischen gebratenem Fleisch, Fisch und Pasteten, zwischen Gin, Bier und Wein statt. Manche Gastronomen richteten eigens für diesen Zweck bestimmte Zimmer ein. Sämtliche soziale Gruppen erlagen dem Spekulationswahn: Reiche und Arme, Kaufleute und Bauern, Fleischhauer und Maler, Weber und Studenten, Torfgräber und städtische Beamte, Altwarenhändler und Dichter, Matrosen und Witwen, geachtete und weniger geachtete Personen. Und da das ganze Manöver inoffiziell war und die Züge eines verbotenen Glücksspiels trug, war es um so verlockender.

Irgendwann rief der Preisanstieg die ersten Geschäftemacher auf den Plan. Diese interessierten sich nicht wirklich für die Tulpe als schöne Pflanze, sondern nur für die steigenden Preise. Der schnelle Weiterverkauf der Tulpenzwiebeln mit hohen Gewinnen entfachte einen Geschäftsrausch. Das Geschäft gleicht dem heute auf dem Finanzmarkt bestehenden Derivathandel und funktioniert so: Der Händler erwartet einen Preisanstieg, will aber im Herbst 100 Tulpenzwiebeln zu je 1.000 Euro. Der Lieferant fürchtet einen Preis von 900 Euro je Zwiebel und akzeptiert das Angebot des Händlers. Der Händler kann sein Kaufrecht (Option) ausüben (oder auch nicht), der Lieferant muss liefern wenn es der Händler verlangt, er erhält dafür eine Optionsprämie. Der Handel mit Optionen, Kauf- und Lieferrechten entwickelte sich schwungvoll. Ab Herbst 1635 wurden keine Zwiebeln mehr verkauft sondern Zwiebelnamen. Den heutigen Aktien nicht unähnlich, kursierten Anteilscheine, die anzuzahlen waren. Oft zehnmal täglich wechselten diese ihren Besitzer. Erst wenn die Tulpenzwiebel übergeben wurde, war der volle Kaufpreis fällig. Im Jahr 1637 platzte endgültig die Tulpenspekulation. Die Preise stürzten ins Bodenlose. Viele Spekulanten verloren buchstäblich "Haus und Hof". Im Februar 1637 war halb Holland ruiniert - der Tulpenschwindel war aus. Auch der berühmte Maler Rembrandt Harmenszoon van Rijn (1606 - 1669) spekulierte mit und verlor. Rembrandt musste Konkurs anmelden. 1657 wurde sein Haus versteigert. Rembrandt litt doppelt unter dem Zusammenbruch der Tulpenkurse: Erstens verlor er dadurch, dass seine Kontrakte wertlos wurden. Zweitens bekam seine Malerwerkstatt in den Folgejahren immer weniger Aufträge. Denn die Depression nach der Tulpenspekulation riss große Teile von Hollands Wirtschaft mit sich. Selbst die Löhne und die Immobilienpreise sackten ab. Preise von 1.200 Gulden für ein einziges Gemälde, wie sie Rembrandt vorher erzielt hatte, waren nicht mehr durchsetzbar.

Nullsummenspiel. Auch wenn es heute um Aktien- oder Devisenoptionen geht, Optionen gelten seither als dubios. Auch der heutige Derivathandel ist nichts anderes als eine "Wette". Sie haben alle das gleiche Grundmuster wie die Tulpenzwiebel-Option: Sie berechtigen zum Kauf oder Verkauf einer Menge von Basiswerten zu einem festen, im voraus vereinbarten Preis zu einem spätesten, fest vereinbarten Zeitpunkt. Der Sinn im Gegensatz zur Tulpomanie war einst klar: Es geht um die Absicherung des künftigen Preises. Derivate leben von der Unsicherheit der Zukunft und dem Wunsch etwas dagegen zu tun. Landwirtschaftliche Produkte, Metall- und Devisenmärkte kennen seit vielen Jahren Zukunftslieferungen als Schutz gegen Preisschwankungen. Seit 1865 werden Warenterminkontrakte für Weizen, Kupfer und Schweinebäuche am Chicago Board of Trade (CBoT) regelmäßig gehandelt. Erst in den letztenJahrzehnten haben sich Termingeschäfte auf dem Kapitalmarkt etabliert. Heute übertrifft der Handel mit Finanzderivaten die Warentermingeschäfte um ein Vielfaches und es ist nichts anderes als ein Umverteilungsverfahren - die Reichen werden noch reicher.

Amateurspekulanten. Da der Derivathandel ein Nullsummenspiel darstellt und die Profis in ihrer Gesamtheit gewinnen, müssen die Amateurspekulanten in ihrer Gesamtheit die Verlierer sein. Derivathandel bedeutet nichtsd anderes als Wetten auf die künftige Entwicklung eines Preises/Kurses, sei es von Anleihen (Zinssätze), Aktien, Rohstoffen oder Devisen (Wechselkurse). Dabei macht der "Wetteinsatz" einen Bruchteil des Basis-Werts aus. Für einen DAX Future im Wert von 150.000€ muss man nur 10.500€ einsetzen. Steigt der DAX um 10% und damit der Wert des Future auf 165.000€, so hat der Spekulant 143% Gewinn gemacht (15.000€ bei einem Einsatz von 10.500, der Verspekulierer muss allerdings gar noch 4.500€ nachzahlen.

Mit einer Option erwirbt man das Recht, das zugrunde liegende Asset innerhalb einer Frist zu einem bestimmten Preis zu kaufen (Call) oder zu verkaufen (Put). Auch in diesem Fall steigt der Wert der Option viel stärker als jener des zugrunde liegenden Assets (Basiswert). Hat man sich getäuscht, so ist der Einsatz verloren. Amateurspekulanten lassen sich davon faszinieren, dass Optionspreise von einem Tag auf den anderen um 30% oder sogar 50% steigen können. Gleichzeitig können Amateure das Risiko von Optionsgeschäften nicht abschätzen.

Im Gegensatz zu den an Börsen gehandelten Futures und Optionen sind Spot- und Termingeschäfte im Devisenhandel den "Profis" vorbehalten. Dabei wird mit Einsätzen von mehreren Millionen Dollar operiert. Kauft der Profispekulant eine Währung, die tatsächlich aufwertet, so hat er gewonnen, andernfalls verloren. Diese Art von Wettgeschäften erstreckt sich nicht nur auf Wechselkurse, sondern auch auf Zinssätze, Aktienkurse oder Rohstoffpreise. Der Derivathandel ist nichts anderes als ein böses Umverteilungsspiel, die Summe aller Gewinne entspricht der Summe aller Verluste, ganz gleich wie bei 6 aus 45.

Und selbst im Aktiengeschäft liegt dieser Wett- und Spielcharakter mit seinen Risken: Die Dividende wird am Ende eines Geschäftsjahres als Beteiligung des Aktionärs am tatsächlichen Gewinn mit einer bestimmten, vom Vorstand festzulegenden Summe pro Aktie ausgeschüttet. Gleichzeitig sind aber auch Gewinne durch die Kurssteigerung der Aktie möglich. Der Kurs ist der Preis, zu dem die Aktie gerade an der Börse gehandelt wird. Er kann den sogenannten Nennwert um ein Vielfaches übertreffen. Während die Dividende auf die Vergangenheit bezogen ist, also auf den abgeschlossenen realen Geschaeftsgang, ist der Aktienkurs auf die Zukunft bezogen, also auf die möglicherweise irrealen Erwartungen und Hoffnungen. Bei langen Aufwärtsbewegungen der Börsenkurse macht sich regelmaessig dasselbe irrationale Moment bemerkbar. Denn selbst wenn die in der Kurssteigerung vorweggenommenen zukünftigen Gewinne tatsächlich eintreffen, werden sie ja als Dividende noch einmal ausgeschüttet oder in neue Produktionsanlagen reinvestiert. Die Kursgewinne treten also neben die realen Geschäftsgewinne, ganz so, als könnte sich das Kapital zweimal verwerten.

Aber auch die modernste spekulative Geldwirtschaft kann nicht über ihren eigenen Schatten springen. So wenig es dem Staat möglich ist, fiktives Geld aus dem Nichts zu schöpfen, ohne durch eine inflationäre Krise bestraft zu werden, ebensowenig ist die Börse in der Lage, dauerhaft fiktive Werte durch Kurssteigerungen zu kreieren, ohne in Gestalt eines Börsenkrachs die Quittung zu bekommen. Der Crash steht immer dann bevor, wenn die Kurse im Vergleich zu den tatsächlich möglichen Geschäftsgewinnen in völlig irreale Höhen steigen, niemand mehr an ein böses Ende glaubt, Schwindelgeschäte überhand nehmen und fast die ganze Gesellschaft vom Spekulationsfieber erfasst wird, wie 1636 in Holland.

Wenn sich eine Manie ausbreitet und die Nachfrage nach Aktien und anderen Investments steigt, dann steigt auch das Angebot. Die Qualität dieser neuen Emissionen wird jedoch immer zweifelhafter. Auch während der holländischen Tulpenspekulation war dies so. Zunächst waren nur die schönsten Tulpen gefragt. Am Ende hielt man fast jede Tulpe einer Spekulation für wert. Und am Neuen Markt war dies ähnlich. Im Höhepunkt der Euphorie und des Optimismus kauften die Anleger fast alles was im entferntesten Sinne irgendetwas mit Biotechnologie oder Internet zu tun hatte. Alle Spekulationsblasen enden abrupt und ohne große Warnsignale. Wenn man auch noch so fest daran glaubt, daß man keiner Manie zum Opfer fallen wird, ist es doch so, daß Manien erst im Rückblick am klarsten erkennbar sind. Die wenigen sichtbaren Warnzeichen werden von der Masse meist ignoriert.

Siehe auch:
Karlsruher Tulpenbuch online
16.8.10/16.8.11/

Derivate - Bedeutung und Regulierungsbedarf

Das AK EUROPA Büro in Brüssel hat ein klärendes Hintergrundpapier zum Derivathandel online. Es klärt zweierlei: Einerseits führt es recht gut in Sinn und Risken des Derivathandels, klärt also in einer verständlichen Sprache auf ohne deswegen den Boden der Wissenschaftlichkeit zu verlassen und andererseits klärt es den Standpunkt der Arbeitnehmervertretung zum Derivathandel.

Das AK EUROPA Büro in Brüssel wurde 1991 errichtet, um die Interessen aller Mitglieder der Bundesarbeitskammer gegenüber den Europäischen Institutionen vor Ort einzubringen.


Hedging. Die ursprüngliche und für die Gesamtwirtschaft sinnvolle Funktion derivativer Instrumente besteht in der Absicherung von Risiken („hedging“), va bezüglich schwankender Marktpreise, Wechselkursen etc. Seit dem Beginn der 90-er Jahre des vorigen Jahrhunderts wurden Derivate hingegen von der Finanzwirtschaft va für zwei Funktionen entdeckt, wodurch der spekulative Charakter immer mehr in den Vordergrund rückte:

1. als Mittel des Portfoliomanagements, worunter man die Auslagerung möglichst aller Risiken aus den eigenen Büchern versteht, um die Eigenkapitalbindung so gering wie möglich zu halten, damit möglichst viel Kapital für neue Geschäfte zur Verfügung steht.
2. als Handelsobjekt losgelöst vom Grundgeschäft: die Geschäftspartner, die mit Derivaten handeln, tragen kein Risiko aus einem Grundgeschäft, sondern handeln in der Hoffnung auf steigende oder fallende Kurse der abgeleiteten Papiere.


Selbstregulierung gescheitert. Wie der (Beinahe-)Konkurs einiger großer Finanzinstitute gezeigt hat, birgt der Derivativmarkt ein hohes systemisches Risiko in sich. Die vor der Finanzkrise vorherrschende Meinung, eine äußerst zurückhaltende Regulierung sei ausreichend(Vertrauen auf Selbstregulierung), weil die Investoren selbst daran interessiert seien, Gegenparteienrisiko ( „counterparty risks“) und Risiken aus der Transaktion zu minimieren, hat sich als Trugschluss erwiesen.


Link ➨  


AK-Hintergrundpapier: Derivate - Bedeutung und Regulierungsbedarf, pdf., 41 S., 484 KB, 8.7.2010


21.7.10/23.7.11

EU-Kommission entdeckt Mikrokredite


Die Europäische Kommission hat heute ein neues Mikrofinanzierungs­instrument vorgeschlagen, mit dem Kleinunternehmern und Arbeitlosen, die ihr eigenes kleines Unternehmen gründen wollen, Kleinstkredite zur Verfügung gestellt werden sollen. Das Instrument wird zunächst über Mittel in Höhe von 100 Mio. EUR verfügen, die im Rahmen einer gemeinsamen Initiative mit internationalen Finanzeinrichtungen, vor allem der EIB‑Gruppe (Europäische Investitionsbank), mehr als 500 Mio. EUR mobilisieren könnten.

Der aktuelle Konjunkturrückgang setzte ein, als die Finanzkrise zu ernsten Liquiditätsengpässen führte: Banken stellten die Kreditvergabe untereinander sowie an Menschen ein, die diese Kredite benötigten, um ihren Geschäftstätigkeiten nachzugehen oder Arbeitsplätze zu schaffen. Das neue Mikrofinanzierungsinstrument zielt darauf ab, den Zugang zu Krediten für Menschen zu vereinfachen, die angesichts des eingeschränkten Kreditangebots bei der Mittelbeschaffung für eine Unter­nehmensgründung möglicherweise auf Probleme stoßen.

Arbeitnehmer, die ihren Arbeitsplatz verloren haben oder zu verlieren drohen und die ihr eigenes Unternehmen gründen möchten, haben somit einen besseren Zugang zu Geldmitteln und profitieren von zusätzlichen Hilfsmaßnahmen, wie Mentoring, Aus‑ und Weiterbildung, Coaching. Benachteiligte Menschen, wie junge Menschen, die ihr eigenes Kleinunternehmen gründen oder erweitern möchten, werden ebenfalls von Bürgschaften und Hilfe bei der Erarbeitung des Unternehmensplans profitieren können.

Mit einem ursprünglichen Etat von 100 Mio. EUR sollen 500 Mio. EUR an Krediten in Zusammenarbeit mit internationalen Finanzeinrichtungen, wie der EIB-Gruppe, mobilisiert werden. Damit könnten über einen Zeitraum von bis zu acht Jahren etwa 45 000 Kredite vergeben werden. Die Inanspruchnahme dieser Kredite wird zudem dadurch erleichtert, dass aus dem Europäischen Sozialfonds Zinsvergünstigungen gewährt werden können.

Bei Kleinstkrediten in der EU geht es um Beträge bis 25.000 EUR. Sie sind auf Kleinstunternehmen mit weniger als 10 Beschäftigten (also 91 % aller europäischen Unternehmen) sowie auf Arbeitslose oder Nichterwerbstätige zugeschnitten, die den Sprung in die Selbständigkeit wagen wollen, aber keinen Zugang zu den klassischen Bankleistungen haben. Bei 99 % der Unternehmensgründungen in Europa handelt es sich um Kleinst- oder Kleinunternehmen; hinter einem Drittel dieser Gründungen stehen Arbeitslose.

Den Vorschlag der Kommission werden die EU-Mitgliedstaaten im Rahmen des Mitentscheidungsverfahrens im Ministerrat (Beschlussfassung mit qualifizierter Mehrheit) und im Europäischen Parlament erörtern. Die Kommission geht davon aus, dass die neue „Mikrofinanzierungsfazilität Progress“ im Jahr 2010 zum Einsatz kommen wird.


Mehr:
€100 million EU micro-finance facility to help unemployed start small businesses

OECD: Österreichs Wirtschaft schrumpft - 4,3 %


Der Abschwung der OECD-Wirtschaften erreicht seine Talsohle am Ende der tiefsten Rezession seit 60 Jahren. Die sich abzeichnende Erholung wird voraussichtlich schwach und fragil bleiben und die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Krise werden noch lange zu spüren sein. Zu dieser Einschätzung kommt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in ihrem aktuellen Wirtschaftsausblick, der am Mittwoch in Paris vorgestellt wurde.

Der Wirtschaftsausblick ist der erste seit zwei Jahren, in dem Wachstumsaussichten gegenüber vorhergehenden Projektionen nach oben und nicht nach unten revidiert werden. Besonders deutlich ist dies für die großen Schwellenländer und für die USA. Dagegen haben sich die Aussichten für die Eurozone seit der letzen Projektion im März weiter eingetrübt.

A. Österreichs Wirtschaft dürfte 2009 um 4,3 Prozent schrumpfen und 2010 bei minus 0,1 Prozent stagnieren.

Die Wirtschaftstätigkeit verlor im Jahresverlauf 2008 an Fahrt und ist Anfang 2009 stark eingebrochen. Bisher war der kumulative BIP-Rückgang in Österreich aber geringer als im Euroraum insgesamt. Zurückzu-führen ist der Wirtschaftsabschwung in erster Linie auf den Rückgang der Exporte infolge des Einbruchs des Welthandels und die angesichts der schär-feren Kreditstandards sowie der größeren Ungewissheit im Hinblick auf die künftigen Aussichten schrumpfenden Investitionen. Außerdem ging der Kon-sum der privaten Haushalte zur Jahreswende 2008/2009 zurück, als sich das Verbrauchervertrauen eintrübte und die Arbeitslosigkeit stieg.

Die Arbeitsmarktbedingungen haben sich in den letzten Quartalen vor allem im Verarbeitenden Gewerbe verschlechtert, und die Arbeitslosenquote ist im April 2009 auf 4,2% gestiegen, gegenüber 3,7% ein Jahr zuvor. Die Verschlechterung ist durch das staatlich geförderte Modell für Kurzarbeit etwas abgefedert worden, das den Stellenabbau und die Einkommensverluste der Arbeitskräfte vorübergehend in Grenzen hält und bis April etwa 50 000 Arbeitskräfte betraf. Unter dem Einfluss der rückläufigen Energiepreise ging der Verbraucherpreisauftrieb (HVPI) von seinem Höchststand Mitte 2008 auf 0,1% im Mai 2009 zurück. Demgegenüber nahm die Kerninflation in den letzten Monaten nur geringfügig ab und lag im Mai bei 1,9%.

Im Gefolge der Zinssenkungen der EZB und den sowohl auf der Ebene des Euroraums als auch in Österreich ergriffenen Finanzmarktmaßnahmen haben sich die Bedingungen an den Finanzmärkten zu bessern begon-nen, obgleich die Kreditvergabestandards in Österreich Anfang 2009 weiter verschärft wurden. Die Spannungen an den Finanzmärkten, die im Zusam-menhang mit den als risikobehaftet betrachteten Positionen österreichischer Banken in zahlreichen mittel- und osteuropäischen Ländern entstanden waren, haben etwas nachgelassen. Die Risikoprämien auf österreichische Staats-anleihen sind gegenüber ihrem Februar-Höchststand von 130 Basispunkten geschrumpft, bleiben aber hoch. Die Aktienkurse ziehen seit ihrem Tiefstand Anfang März wieder an.

Die österreichische Regierung hat zur Stützung der Realwirtschaft auch fiskalische Maßnahmen umgesetzt. Zu den diskretionären Impulsen zählen in erster Linie die im September 2008 ergriffenen Maßnahmen zur Stärkung der Kaufkraft der privaten Haushalte und die Senkung der Lohn- und Einkommensteuer von 2009. Diese Impulse haben Langzeiteffekte, die sich nach 2009 etwas verstärken werden. Es wird damit gerechnet, dass diese Maßnahmen zusammen mit umfangreichen automatischen Stabilisatoren den Abschwung abfedern, zugleich aber auch das Haushaltsdefizit 2010 auf knapp über 6% des BIP erhöhen werden. Zusammen mit der Rekapitalisierung der Banken wird dies die Staatsverschuldung 2010 auf nahezu 80% des BIP anheben. Es müssen bald glaubwürdige mittelfristige Konsolidierungsmaßnahmen angekündigt und umgesetzt werden, wenn sich die wirtschaftlichen Bedingun-gen verbessern. Der neue für vier Jahre festgelegte Ausgabenrahmen, der vorgesehene Übergang zu einer ergebnisorientierten Budgetierung und die geplanten Steigerungen der Ausgabeneffizienz dürften die Konsolidierung erleichtern.

Das BIP dürfte 2009 deutlich einbrechen und mithin die schwerste Rezession der vergangenen Jahrzehnte verzeichnen und im Jahresverlauf 2010 nur allmählich expandieren. Die anhaltende Schwäche der Auslandsnachfrage wird 2009 wahrscheinlich zu einem deutlichen Rückgang der Exporte führen. Sobald die Weltwirtschaft wieder an Fahrt gewinnt, wird für 2010 bei den Exporten mit einer leichten Verbesserung gerechnet. Angesichts der geringeren Kapazitätsauslastung, der angespannten Finanzierungslage und der nach wie vor trüben Aussichten wird für 2009 auch ein Rückgang der Unternehmens-investitionen projiziert.

Das Wachstum des privaten Konsums wird im Projektionszeitraum zwar sehr schwach sein, aber voraussichtlich im positiven Bereich bleiben. Die sich verschlechternde Arbeitsmarktverfassung wird das Wachstum der verfügbaren Realeinkommen dämpfen und die Ersparnisbildung der privaten Haushalte in die Höhe treiben. Jedoch dürften die für 2009 ausgehandelten hohen Lohnzuwächse, die mit der Steuerreform einhergehenden Lohn- und Einkommensteuersenkungen, die sozialen Transferleistungen und die geringere Inflation die Realeinkommen der privaten Haushalte stützen. Die Gesamtinflation wird niedrig bleiben, während die Kerninflation im Verlauf des Projektionszeitraums weiter nachgeben wird, da sich der bereits erhebliche Kapazitätsüberhang in der Wirtschaft noch stärker ausweiten wird.

Die Projektionen sind nach wie vor mit erheblichen Unsicherheits-faktoren behaftet, insbesondere hinsichtlich des Zeitpunkts des Aufschwungs. Die Aussichten für Österreich hängen entscheidend von der Auslandsnachfrage und den Entwicklungen an den Finanzmärkten ab. Weitere Spannungen an den Finanzmärkten in Mittel- und Osteuropa würden die finanzielle und fiskali-sche Stabilität in Österreich gefährden. Sollte dieses Risiko eintreten, bedarf es möglicherweise zusätzlicher Unterstützungsmaßnahmen für den Finanzsektor.



CH. Für die Schweiz - für Vorarlberg und seine Grenzgänger nicht unbedeutend - erwartet der aktuelle Wirtschaftsausblick für 2009 einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um 2,7 Prozent und für 2010 einen leichten Rückgang um 0,2 Prozent.

D. Für Deutschland - unser wichtigster Handelspartner - geht der aktuelle OECD-Ausblick in diesem Jahr von einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um 6,1 Prozent aus und für 2010 von einer leichten Erholung um 0,2 Prozent (Märzprognose: 2009: minus 5,3 Prozent; 2010 plus 0,2 Prozent). Die Arbeitslosigkeit dürfte bis 2010 auf 11,6 Prozent (nach ILO-Standard) steigen.

EU. In der Eurozone gibt es bislang keine klaren Signale für einen Aufschwung. Das Bruttoinlandsprodukt dürfte in diesem Jahr um 4,8 Prozent schrumpfen und im kommenden Jahr bei null Prozent stagnieren. (Märzprojektion 2009: minus 4,1 Prozent; 2010: plus 0,3 Prozent). Jedes Land für sich muss mit einer eigenen Kombination von Schwächen zurechtkommen: zerplatzende Immobilienblasen, schrumpfende Exporte oder ein angeschlagener Finanzsektor. Wenn eine Erholung eintritt, dürfte sie schleppend verlaufen, da die steigende Arbeitslosigkeit die Konsumausgaben beeinträchtigen wird.

USA. Nach den aktuellen Prognosen wird die Wirtschaft in den USA in diesem Jahr um 2,8 Prozent schrumpfen. Die März-Prognose ging noch von einem Rückgang um 4,0 Prozent aus. Für 2010 erwartet der aktuelle Wirtschaftsausblick ein Wachstum von 0,9 Prozent gegenüber null Prozent in der März-Prognose. Die Talsohle für die US-Wirtschaft dürfte in der zweiten Jahreshälfte 2009 erreicht sein. Der Aufschwung dürfte aber erst verzögert eintreten, da parallel zum Auslaufen der Konjunkturmaßnahmen Unternehmen und Verbraucher ihre Sparquote erhöhen dürften, um ihre Verschuldung zu reduzieren. Trotz der leichten Erholung wird die Arbeitslosigkeit in den kommenden zwei Jahren wohl auf rund zehn Prozent steigen.

CHINA. Chinas Wirtschaft scheint sich dank umfassender Konjunkturstimulierung bereits im Aufschwung zu befinden. Für 2009 wird nun ein BIP-Wachstum um 7,7 Prozent und für 2010 um 9,3 Prozent erwartet. Im März lag die OECD-Wachstumsprognose noch bei 6,3 Prozent für 2009 und 8,5 Prozent für 2010. Für die Wirtschaftsleistung in Brasilien erwartet die OECD in diesem Jahr einen Rückgang um 0,8 Prozent und für 2010 ein Wachstum um 4,0 Prozent. In Russland wird die Wirtschaftsleistung in diesem Jahr um 6,8 Prozent schrumpfen und dann 2010 wieder um 3,7 Prozent wachsen. Indiens Wirtschaft wird 2009 um 5,9 Prozent wachsen, 2010 dürfte dann wieder ein Wachstum von 7,2 Prozent erreicht werden.

JAPAN. Für Japans Wirtschaft wird für dieses Jahr ein Rückgang um 6,8 Prozent erwartet und für 2010 ein leichtes Wachstum um 0,7 Prozent (Märzprognose 2009: minus 6,6 Prozent; 2010: plus 0,5 Prozent). Es gibt Anzeichen, dass die durch den Einbruch des Außenhandels ausgelöste Rezession zum Stillstand kommt, der Aufschwung wird allerdings nur langsam erfolgen. Angesichts der hohen Arbeitslosigkeit und ungenutzter Kapazitäten ist es wahrscheinlich, dass die Deflation sich weiter fortsetzt.

Der Wirtschaftsausblick geht weiter für die kommenden zwei Jahre von einem sinkenden Inflationsdruck aus, sieht aber abgesehen von Japan wenig Risiken einer anhaltenden Deflation.

Angesichts eines voraussichtlich schwachen Aufschwungs, spricht sich die OECD dafür aus, dass die Regierungen ihre angekündigten Konjunkturpakete schnell und umfassend umsetzen. Steuererleichterungen oder Ausgabenprogramme sollten nicht übereilt ausgesetzt werden, um den Aufschwung nicht zu gefährden. Gleichzeitig ist eine bessere Regulierung der Finanzmärkte unbedingt erforderlich, um zukünftige Krisen zu verhindern.

Wenn die Erholung ausreichend stark ist, müssen öffentliche Schulden und Haushaltsdefizite reduziert werden, heißt es im Wirtschaftsbericht. Die dann nötigen Ausgabenkürzungen oder Steuererhöhungen müssen so ausgerichtet sein, dass langfristige Wachstumsperspektiven nicht beeinträchtigt werden. "Der Konsolidierungsbedarf ist groß, aber nicht beispiellos", sagte der amtierende OECD-Chefökonom Jorgen Elmeskov. "Einmalig ist allerdings, dass die Konsolidierung über die Länder hinweg koordiniert werden muss."

Mehr:
Studie OECD Economic Outlook Print + PDF Edition (ISSN 0474-5574) - PDF Edition (ISSN 1609-7408)Vorläufige Ausgabe, Österreich ab Seite 170
PDF., 234 S., 1,6 MB, 23.6.2009


OECD - Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

EU-Kommission genehmigt 100 Mill. Finanzhilfe für Hypo Tirol


Die Hypo Tirol zählt zu den wichtigen österreichischen Banken, und nach der Bilanz ist die Aktiengesellschaft die größte Bank Westösterreichs.

Das Bundesland Tirol ist über die Landes-Hypothekenbank Tirol Anteilsverwaltung indirekt Alleineigentümer der Bank.Die Bank ist als Universalbank im Versicherungsgeschäft, im Private Banking und im Immobilien-Leasing tätig. Sie hat Standorte in Tirol und in Italien (hauptsächlich Südtirol) und hat sich in Zürich, München und Wien als spezialisierte Nischenbank positioniert. Im Jahr 2008 beschäftigte die Hypo Tirol im Durchschnitt 786 Mitarbeiter; ihre Bilanzsumme belief sich auf rund 13 Mrd. EUR, und die Gewinne vor Steuern lagen bei 16,6 Mio. EUR.

Die Hypo Tirol wird Partizipationskapital in Höhe von 100 Mio. EUR begeben, das von Privatinvestoren gezeichnet wird. Das Land Tirol wird für den von den Anlegern gezeichneten Kapitalbetrag eine Ausfallhaftung von zehn Jahren übernehmen, die im Insolvenzfall in Anspruch genommen werden kann.

Sollte die Bank Gewinne erzielen, wird für die Finanzinstrumente eine Dividende von jährlich 5 % ausgeschüttet. Um sicherzustellen, dass möglichst viel Kapital in der Bank verbleibt, hat die Hypo Tirol zugesagt, dass für die Ausschüttung etwaiger Dividenden keine Rücklagen freigesetzt werden. Außerdem hat sich die Bank verpflichtet, die Dividendenausschüttungen auf 22,5 % zu beschränken, um ihre Eigenkapitalquote aufrechtzuerhalten und einen Exit-Anreiz zu schaffen.

Die Hypo Tirol wird das Kapital bei Privatinvestoren aufnehmen, woraus sich schließen lässt, dass die Anleger davon ausgehen, dass die Bank in der Lage sein wird, den Kupon von 5 % zu zahlen. Für die Ausfallhaftung zahlt die Hypo Tirol an das Land Tirol eine progressive Vergütung, die in den ersten drei Jahren bei 3,9 % liegt und bis zum Jahr 10 auf 6,6 % steigen wird.

Mehr:

Beihilfenregister N 214/2009

Die Wachstumsbranchen der Krise: Broadway - Beste Spielzeit der Geschichte


Auch wenn kein Brot da ist, Spiele gibt es immer. Die Theater an New Yorks Broadway verzeichnen zur Zeit Rekordeinnahmen und nähern sich weiter der Umsatz-Milliarden-Grenze.

In der laufenden Saison 2008/09 haben die Broadway-Theater für 943,3 Millionen Dollar Eintrittskarten verkauft, für 6 Millionen Dollar mehr als im Vorjahr. Unter den für 2009 angekündigten Produktionen sind jedoch schon auffällig viele Sprechtheaterstücke, die in der Regel kostengünstiger auf die Bühne zu bringen sind als Musicals, mit Berühmtheiten wie Jeremy Irons, Angela Lansbury, Nathan Lane, Jane Fonda und Matthew Broderick.

Sechs Musicals stehen derzeit fest auf dem Premierenplan des ersten Halbjahres 2009, darunter mit "Guys and Dolls", "Hair" und "West Side Story" drei Revivals, bei denen das Risiko nicht ganz so groß erscheint. Ein interessantes Projekt ist "The Story of My Life": mal wieder eine kleine Produktion mit nur zwei Darstellern und einer vielversprechenden Storyline.

Damit bestätigt sich ein Trend, der auch bei den Kinos beobachtet wird: In Rezessions-Zeiten steigt offenbar das Bedürfnis, für ein paar Stunden der harten Realität zu entfliehen und sich in die Welten des schönen Scheins und virtuellen Glücks zu flüchten.

Als ertragreichste Show des vergangenen Jahres spielte der Dauerbrenner "Wicked" im vergangenen Jahr mehr als 72 Millionen Dollar ein und übertrifft damit sogar noch die Einnahmen aus 2007. Und auch "Lion King" und "Jersey Boys", die die Medaillenplätze seit Jahren halten, können sich über einen nahezu ungebremsten Zulauf freuen. "The Little Mermaid", 2007 mit gemischten bis schlechten Kritiken in eine somit eher unsichere Zukunft gestartet, hat sich am Broadway als Familienshow etabliert und "Mary Poppins", die Konkurrentin aus dem eigenen Stall, sogar ein wenig ins Wanken gebracht. Doch letztlich scheint am Broadway Platz genug für drei Familien-Shows der Marke Disney zu sein.

Mehr:
Broadway.com

EU-Kommission gibt Österreich grünes Licht für befristete Unternehmensbeihilfen von bis zu 500 000 EUR


Die Europäische Kommission hat auf der Grundlage der Beihilfevorschriften des EG-Vertrags eine Beihilferegelung genehmigt, mit der Österreich der derzeitigen Wirtschaftskrise begegnen will. 2009 und 2010 dürfen Beihilfen bis zu 500 000 EUR an Unternehmen vergeben werden, die aufgrund der derzeitigen Kreditklemme Finanzierungsprobleme haben. Die Beihilferegelung steht im Einklang mit dem sogenannten „vorübergehenden Beihilferahmen“ der Kommission, der den Mitgliedstaaten zusätzlichen Spielraum bietet, den Unternehmen in der aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise die Kapitalbeschaffung zu erleichtern. Sie ist daher mit Artikel 87 Absatz 3 Buchstabe b EG-Vertrag vereinbar, dem zufolge Beihilfen zulässig sind, die der Behebung einer beträchtlichen Störung im Wirtschaftsleben eines Mitgliedstaats dienen.

Die Regelung entspricht den Bestimmungen des vorübergehenden Beihilferahmens über mit dem Gemeinsamen Markt vereinbare begrenzte Beihilfen. So sind die Beihilfen auf höchstens 500 000 EUR pro Unternehmen beschränkt und dürfen nur an Unternehmen vergeben werden, die sich am 1. Juli 2008 noch nicht in Schwierigkeiten befanden. Die Beihilfen werden in Form von direkten Zuschüssen, Zinszuschüssen, subventionierten öffentlichen Darlehen und staatlichen Garantien gewährt. Im Rahmen der Beihilferegelung können bis zum 31. Dezember 2010 mit dem Gemeinsamen Markt vereinbare Beihilfen in begrenzter Höhe gewährt werden.

Die Beihilferegelung ist Teil der mit insgesamt 300 Mio. EUR dotierten österreichischen Rahmenregelung für Beihilfenmaßnahmen zur Bekämpfung der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise, die der Behebung einer beträchtlichen Störung im Wirtschaftsleben Österreichs dient.


Mehr:

23.03.2009 State aid: Commission authorises Austrian temporary aid scheme to grant compatible aid of up to €500 000

Globale Beschäftigungstrends 2009 in Folge der Finanzkrise

Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO): Starke Zunahme von Arbeitslosigkeit, ungesicherter Arbeitsverhältnisse und der Zahl der arbeitenden Armen in Folge der Finanzkrise.

30 Millionen Arbeitslose zusätzlich. Die globale Wirtschaftskrise dürfte zu einem dramatischen Anstieg der Zahl der Arbeitslosen, der ungesichert Beschäftigten und derer, die trotz Arbeit nicht über die Armutsgrenze kommen, führen. Das ist das Ergebnis des jährlichen Berichts über Globale Beschäftigungstrends der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), der in Genf vorgestellt wurde. Je nach der Tiefe der Rezession und der Wirkung der Konjunkturprogramme könnten 2009 zwischen 18 und 30 Millionen Menschen weltweit ihre Arbeit verlieren - ja sogar mehr als 50 Millionen, wenn sich die Situation weiter verschlechtern sollte. Überdies schätzt die ILO die Zahl derer, die vor allem in den Entwicklungsländern in absolute Armut zurückfallen könnten, auf rund 200 Millionen.

Im ILO-Bericht werden mehrere Szenarien durchgespielt:

Auf Grundlage der IWF-Konjunkturprognosen vom vergangenen November ist ein Anstieg der globalen Arbeitslosenrate auf 6,1 Prozent im Jahr 2009 zu erwarten, nach 5,7 Prozent im Vorjahr. Dies wäre ein Zuwachs bei der Zahl der Arbeitslosen um 18 Millionen.

Wenn sich die Aussichten gegenüber der IWF-Prognose noch weiter eintrüben, was als wahrscheinlich gilt, dürfte sich die Arbeitslosenrate auf 6,5 Prozent erhöhen, was 30 Millionen mehr Arbeitslosen entspricht.

Im schlimmsten Fall könnte die Arbeitslosenrate sogar auf 7,1 Prozent steigen und so zu 50 Millionen mehr Arbeitslosen führen.

Die Zahl der arbeitenden Armen - also derer, die trotz Arbeit nicht über die Armutsgrenze von kaufkraftbereinigt 2 Dollar pro Tag kommen - könnte auf 1,4 Milliarden ansteigen. Das wären 45 Prozent aller Beschäftigten weltweit.

Der Anteil der ungesichert Beschäftigten könnte im "worst case"-Szenario auf 53 Prozent aller Beschäftigten steigen. Damit sind Menschen gemeint, die im Familiengeschäft mithelfen oder die, meist im informellen Sektor, auf eigenes Risiko ohne Angestellte tätig sind und die deshalb meist keine soziale Absicherung haben.

Rund 190 Millionen Menschen waren 2008 ohne Arbeit. Das entspricht einer Arbeitslosenrate von 6 Prozent, nach 5,7 Prozent im Jahr 2007. Vor allem zum Ende des vergangenen Jahres hin war eine Zunahme sowohl der Arbeitslosigkeit als auch der Zahl ungesichert Beschäftigter und arbeitender Armer zu verzeichnen.

Arbeitende Arme. Die höchsten Arbeitslosenraten verzeichnen dem Bericht zufolge Nordafrika und der Nahe Osten (mit 10,3 beziehungsweise 9,4 Prozent), gefolgt von Zentral- und Südosteuropa einschliesslich der ehemaligen Sowjetunion (8,8 Prozent), Afrika südlich der Sahara (7,9 Prozent) und Lateinamerika (7,3 Prozent). Hingegen verzeichnet Ostasien die niedrigsten Arbeitslosenraten (3,8 Prozent), gefolgt von Südasien und Südostasien (5,4 bzw. 5,7 Prozent). Am problematischsten ist die Arbeitsmarktsituation in Afrika und Südasien. Trotz eines leichten Rückgangs in den letzten zehn Jahren gelten dort immer noch vier Fünftel aller Beschäftigten als arbeitende Arme.

Neue Arbeitsplätze: Asien. Insgesamt wuchs die Zahl der Beschäftigten 2008 noch, wenn auch nur um 1,3 Prozent - deutlich weniger als die 1,6 Prozent, die im Durchschnitt der letzten zehn Jahre erreicht wurden. Die neuen Arbeitsplätze sind zum grössten Teil in Asien entstanden, während in den Industrieländern einschliesslich der EU unter dem Strich mehr Arbeitsplätze weggefallen sind als neue geschaffen wurden. Entsprechend war hier auch der Anstieg der Arbeitslosenrate am höchsten: von 5,7 Prozent 2007 auf 6,4 Prozent im vergangenen Jahr. Die Zahl der Arbeitslosen stieg um 3,5 Millionen auf 32,3 Millionen.

Der Bericht listet eine Reihe von arbeitsmarktpolitischen Empfehlungen auf, die auch von zahlreichen Regierungen bereits umgesetzt werden, darunter

* die Ausweitung der Arbeitslosenversicherung, Fortbildung und Umschulung entlassener Arbeitnehmer sowie der Schutz der Altersvorsorge vor den Finanzmarktturbulenzen;
*öffentliche Investitionen in Infrastruktur, Wohnen und Umwelt;
*Unterstützung für kleine und mittelständische Betriebe;
*sozialer Dialog auf Unternehmens-, Branchen- und nationaler Ebene.

Mehr:
Bericht GLOBAL EMPLOYMENT TRENDS 2009 - 54 S., 580 KB, 27.1.2009
International Labour Organization

Vorarlberger Wohnbauförderung nur hilflos gegen Spekulationsfinanzierungen?


"Die Ausnutzung des Zinsgefälles zwischen zwei Währungen zur günstigeren Finanzierung von Investitionen ist ein weit verbreitetes Phänomen. Auf derartige Zinsarbitragegeschäfte – in der internationalen Finanzsprache Carry- Trades genannt – setzen typischerweise große Finanzinstitutionen und spekulative Hedgefonds. Doch auch die in Österreich bei privaten Haushalten recht beliebten Fremdwährungskredite sind vom Prinzip her nichts anderes als Carry-Trades." so beginnt eine Studie der österreichischen Nationalbank (Carry-Trade auf Österreichisch: Was für Haushalte entscheiden sich am ehesten für Fremdwährungskredite?).

Eine Diplomarbeit an der Wirtschaftsuniversität Wien aus dem Jahre 2007 bringt es an den Tag. Vorarlberg ist bei den Fremdwährungskrediten "Staatsmeister". In Vorarlberg waren im Juli 2005 mehr als 60 % aller an private Haushalte vergebenen Kredite Fremdwährungskredite. Die Nationalbankstudie nennt dafür vor allem die Wohnbaufinanzierung als Ursache. Bereits 2003 warnte die Österreichische Nationalbank und die Finanzmarktaufsicht.

Doch dies führte weder im Vorarlberger Landhaus noch bei der Vorarlberger Wohnbauförderung zu einem strategischen Handeln. Nun stehen viele Hüslebauer und Eigenheimbesitzer in Vorarlberg vor einem Desaster. Es sind nämlich nicht nur die wechselnden Kursparitäten sondern auch der besonders erschwerende Umstand, dass unter den Augen der Vorarlberger Wohnbauförderung viele Eigenheimerwerber ihr Heim nicht nur mit Fremdwährungskrediten finanziert sondern auch mit Fonds und Endfälligkeit "finanziert" haben. Die Fondsverluste machen große Teile des zur Rückzahlung der Fremdwährungskredite in Fonds Angesparten zunichte.

Das wird Vorarlbergs Wirtschaft noch auf Jahre "nachhaltig" belasten und zahlreiche Vorarlberger existentiell gefährden. Dazu kommt, dass wegen der Wohnbauförderungssystematik der "Altbestand" gegenüber Neubauwohnungen unter Druck ist, sodass der nicht mehr finanzierbare Wohnraum kaum zu vernünftigen Preisen abzustoßen ist und die in Schwierigkeit geratenen Eigenheimbesitzer nun selber zu Spekulationsobjekten werden.

MEHR:

Mag. Markus Bläuel: Ein Vergleich der Gesamtbelastung von Fremdwährungskrediten der letzten beiden Jahrzehnte in den vier wichtigsten Kreditwährungen

ÖNB: Carry-Trade auf Österreichisch: Was für Haushalte entscheiden sich am ehesten für Fremdwährungskredite?